Ich liege Blut spuckend auf der Straße oder Wie ein Zypern-Urlaub anders abläuft als erwartet

24 Stunden werde ich hierbleiben müssen. Irgendwann wird die Bahre nach oben geschoben, endlich ist auch die Halskrause weg. Ich lande auf einem Zimmer mit vier weiteren älteren Patienten. Es ist tiefe Nacht. Langsam muss mein bester Freund dann doch ebenfalls gehen. Ich liege im Neonlicht, in einem fremden Land in einem heruntergekommenen Zimmer und habe erstmals Zeit zum Nachdenken. Neben mir ist ein Spiegel. Zum ersten Mal sehe ich mich selbst! Mein Gesicht sieht aus, als hätte ich gerade eine Zahn-OP hinter mir; alles ist geschwollen. Mein Bauch hat doppelten Umfang, auch überall Schwellungen. Mein Körper ist übersät mit Schürfwunden, Rissen, Blutkrusten und weiteren Schwellungen. Ein Bewegen ist kaum möglich. Leute, so ne Prellung … meine armen Romanhelden müssen da ja ständig durch. Nun weiß ich, wie sich das anfühlt.

Gut, ich versuche, zu entspannen. Es ist ja nur eine Nacht!

Auf dem Gang brüllen die Pfleger hin und her. Ein Handy klingelt im Bett neben mir. Der Angerufene telefoniert Lautstark. Türen knallen. Das Licht wird ausgemacht. Jemand im Raum macht es wieder an. Dann aus. Nur meine Lampe bleibt an – Wackelkontakt. Ich betätige den Klingelknopf. Nach einigen Schlägen durch die Schwester, gibt die Lampe auf und verabschiedet sich. Es wird geredet – draußen und hier drinnen –, geschnarcht und herumgelaufen.

Eine kurze, aber gefühlt sehr lange Nacht, endet um 5:30 Uhr.

Gegen 6 kommt das Essen. Eine Dame hat einen Essenswagen bei sich. Sie schmiert für jeden Brote auf Wunsch und serviert Kaffee oder Tee. Bei uns wären das Tabletts mit etwas Vorgefertigtem. Interessant. Dann kommt der Arzt.
Ich werde einmal kurz angeschaut, kein Wort an mich. Die Gruppe (eine weitere Ärztin, zwei Schwestern) unterhält sich über mich. Es wird gedrückt, geredet, alles ganz schnell. Dann bin ich wieder alleine. Was habe ich eigentlich jetzt genau? Keine Ahnung. Dazu hätte mal jemand mit mir reden müssen.

Unbekannter: What happend?
Andi: An Accident with a Quad
Unbekannter: Where are you from?
Andi: Germany
Unbekannter: Oh, dann sprichst du Deutsch?

Im Bett gegenüber liegt ein Mann, der mich auf Englisch fragt, ob ich einen Unfall hatte. Nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass er dreißig Jahre in Hamburg gelebt hat. Wir sprechen Deutsch miteinander und er berichtet mir davon, wie Zypern nach der Wirtschaftskrise kaputtging. Hier im Krankenhaus ist kein Geld vorhanden.

Zwei Helferinnen betreten den Raum. Dank meines Zimmernachbarn erfahre ich, was sie wollen, da sie kein Englisch sprechen. Ich soll mich waschen gehen. Endlich aufstehen! Im Bad stelle ich fest, hier gibt es nur rissige Kacheln, ein fast aus der Wand fallendes Waschbecken und eine Toilette, über die ich kein weiteres Wort verliere. Mit ein wenig Wasser, wasche ich das eingetrocknete Blut ab. Da kein Handtuch zur Verfügung steht, nutze ich Papiertücher. Zurück liege ich wieder auf dem Bett.
Mit den Wunden komme ich klar, aber die Umgebung, das unpersönliche, das Heruntergekommene und auf Skalen und Daten reduzierte, das zerfrisst langsam und stetig meine Nerven.

Mein bester Freund kommt, hat frische Kleidung im Gepäck. Ein inneres Aufatmen.

Ich ziehe mir sofort alles über. Zwischenzeitlich wurde ich auch mit Antibiotika und Schmerzmitteln versorgt. Nun will ich nur noch eins: hier raus! Die Ärzte sind beim Tee trinken. Irgendwann haben wir genug vom Warten. Ich erkläre, dass ich auf eigenen Wunsch gehen will. Ein letztes Blutbild, alles in Ordnung, dann unterschreibe ich.
Die Ärztin gibt mir für den deutschen Arzt noch einen Untersuchungsbericht mit, auf Griechisch, war ja klar. Okay, auf das Gesicht meiner Hausärztin bin ich gespannt. Glücklicherweise hat die Frau Humor. Am Ende gibt es noch Antibiotika-Pillen die ich weiter einnehmen muss.

Der Schritt vor die Tür lässt mich aufatmen.

Zurück im Cottage gehen wir noch etwas essen, danach falle ich in einen zehnstündigen Schlaf, der nur von der pochenden Prellung öfter unterbrochen wird. Jetzt ist das Schlimmste überstanden. Mit dem Meer ist es erst mal vorbei, aber der Urlaub ist in zwei Tagen sowieso zu Ende.

… das Fazit auf der nächsten Seite.

2 comments: On Ich liege Blut spuckend auf der Straße oder Wie ein Zypern-Urlaub anders abläuft als erwartet

  • Gut das alles glimpflich abgelaufen ist, ich hoffe da kommt nicht noch was nach. So eine Auslandskrankenversicherung habe ich schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Ich nutze dazu den ADAC, ist nicht die preisgünstigste, aber dafür kann man auf die Organisation des ADAC zurückgreifen. Man hat eine Rufnummer unter der man sich an Helfer wenden kann und die wissen wen sie ansprechen können. Alleine und hilflos im Ausland um Krankenhaus und dazu noch Verständigungsproblem, was für eine gruselige Vorstellung.

  • Da hast du aber wirklich nochmal Glück gehabt! Ich arbeite im Reisebüro und bekomme oft ähnliche Horror-Storys von meinen Kunden erzählt.
    Aber gut, dass du es gut überstanden hast und uns weiter mit Lesestoff beliefern kannst. 🙂

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